Erst angekommen und schon geschmolzen

Es ist zwei Uhr nachts. Auf dem Flur des Wohnbereiches hört man jemand dumpf mit Deutschland telefonieren, während Tokyos Grundrauschen durch das Fenster strömt, zusammen mit 30°C warmer tropischer Luft. Der Himmel strahlt mit Tokyos Zwielicht herein, während ich meinen ersten Bericht tippe. Ich gebe zu, es ist ein ziemlich subversives Gefühl nach zwei Stunden Halbschlaf aufzuwachen und festzustellen, dass man sich im luftleeren Raum und freien Fall befindet. Aber fangen wir vorne an.

Hallo Japan

Die Bahn konnte es sich nicht nehmen, mich mit gehöriger Verspätung aus Deutschland zu verabschieden. Nachdem ich also endlich um 18:30 Uhr am Flughafen ankam und das Gruppenfoto verpasste, war ich nach etwas chaotischem Check-in ebenfalls Abflugbereit. JAL Flug 408 startete pünktlich gegen 21 Uhr was die Crewmitglieder veranlasste, sich bei den Passagieren zu bedanken.

An Board abgekommen machte sich dank der luxuriösen Platzverhältnisse erste Ernüchterung breit. Hatte ich auf einen Fensterplatz gehofft, wurde ich durch jeweils vier Sitze zu meinen beiden Seiten davon enttäuscht. Japan Airlines war jedoch sehr und erfolgreich bemüht, von diesem Sachverhalt mit Boardspielzug abzulenken. Als das Interesse am Multimediasystem dann nach ein bis zwei Stunden nachließ, durfte man in den Genuss eines ersten japanischen Menüs kommen. Tatsächlich, es schmeckte im Flugzeug besser als in der Furtwangener Mensa. Die im Flug hauptsächlich anwesenden Japaner nutzten dagegen die Gelegenheit, ein letztes Mal westlich zu essen. Der Rest des Fluges war unspektakulär und zeichnete sich vor allem durch penetrante Triebwerke aus, die einen Schlaf unmöglich machten. Trotzdem schafften es die Meisten außer mir.

Hallo Japan

Ich konnte daher in Zeitraffer Sonnenuntergang und Sonnenaufgang beobachten. Die Flugroute führte uns in die hintersten Winkel Russlands, vorbei an Moskau und Sibirien in hohem Bogen nach Osten, bis wir uns von Nordwesten dann endlich Tokyo näherten. Von Taifunen weit und breit keine Spur. Reichlich gerädert rafften wir uns durch die vollelektronischen Kontrollen des Flughafens in Narita. Mittlerweile war es 15:30 Uhr Ortszeit, was frühem Morgen in Deutschland entsprach. Schon beim Aussteigen schlug uns die schwüle Hitze ins Gesicht. Es bestätigte sich leider nicht die Vermutung, dass es sich nur um eine von der Sonne erhitzte Gangway handelte. Vielmehr stellten wir anschließend beim Verlassen des Flughafens fest, dass wir uns noch im klimatisierten Bereich aufgehalten hatten.

Hallo Japan

Der Bus, der uns anschließend ins 60km entfernte Tokyo brachte, führte uns vorbei an Reisfeldern und kleinen Vorstädten hinein in den Moloch aus Stahl und Beton. Bald verdrängten die Gebäude das grüne Vorland und es waren nur noch dicht an dicht gedrängte Hausfassaden zu sehen, mal zerfallen, mal spiegelblank. Durchbrochen wurden Sie nur von vereinzelten Flüssen und großen Hauptstraßen, in denen sich die abendliche Rush-hour abspielte. Überall blinkte es freudig und bunt von Baustellen, Shops und den in der Dämmerung erleuchtenden Reklamen. Interessiert stellte ich fest, dass die Priorität eines Straßenverkehrsschildes vor allem durch die Anzahl der Ausrufezeichen dargestellt wird. Stromleitungen durchzogen die Schluchten in ungeordneter Wildheit.

Hallo Japan

Nach etwas Stau und abenteuerlichen Suchaktionen des Busfahrers nach der Einfahrt zum Yoyogi Zentrum, die uns einmal mehr durch Zentraltokyo führten, kamen wir um 19 Uhr Ortszeit, also zur Mittagszeit in Deutschland, im Yoyogi an. Ich muss an dieser Stelle wohl nicht erwähnen, dass mittlerweile Viele, wenn nicht Alle von uns die Schnauze voll hatten und sich sehr nach Verpflegung und Erholung sehnten.

Hallo Japan

Hallo Japan

Hallo Japan

Hallo Japan

Dennoch, zunächst wurden wir noch nach Schlüsselausgabe zu einer Begrüßungspräsentation verdonnert, bis wir dann anschließend durch ein sehr reichliches und leckeres O-Bento entschädigt wurden. Die überwiegend weiblichen japanischen Teilnehmer des lokalen Organisationsteams taten dabei ihr Bestes, um für ein reibungsloses Willkommen zu sorgen. Mit den letzten Resten von Wahrnehmung und Aufmerksamkeit konnte ich dann noch ein paar Dinge bestätigen: Japanerinnen sind in der Tat sehr hübsch und japanische Stimmen in der Tat sehr ästhetisch. Sämtliche Vorurteile zur vollsten Zufriedenheit erfüllt, würde ich sagen.

Hallo Japan

Bevor ich mich aber endlich in einem typisch japanischem Bad erholen konnte, stand noch ein kurzer Streifzug mit Kollegen in die städtischen Gassen gegenüber des Jugendzentrums an. Wir überquerten eine Fußgängerbrücke, bogen in eine schmale Seitenstraße ein – und standen vor einem der typischen Bahnübergänge, inklusive blinkenden und klingelnden Schranken. Diese jagten uns kaum geöffnet über die Gleise, denn schon wieder nahte der nächste Zug.
Für diesen hatten wir aber keine Augen mehr, denn wir waren in einer typischen kleinen Gasse gelandet. Klein und zierlich schmiegten sich Bars, Geschäfte und Wohnhäuser an die schmale Straße. Diese wirkte so fremdartig und verspielt, dass spätestens in diesem Moment Jeder begriffen hatte, wo wir waren. Über uns hingen Lampionähnliche Straßenlampen zwischen den altbekannten Stromleitungen, die die ganze Stadt zusammenzuhalten scheinen. Zwei Dutzend junge Japanerinnen kamen in ihrem Kimonos festlich gekleidet die Straße entlang und beachteten die vier deutschen Studenten kaum, die im Convenience-Store erste Vorräte zusammensuchten. Mit einem gestammelten Sumimasen drückte ich dem Verkäufer den 10.000 Yen Schein in die Hand.

Leider lag der Fotoapparat noch in der Schlafkoje, so dass ich ein Bild dieser Gasse erst einmal schuldig bleibe. Schließlich konnten wir gegen 23 Uhr planschen gehen, typisch japanisch und sehr bemüht, die westliche Prüdigkeit abzulegen. Einerseits verfluche ich die DJJG für ihre selbstmörderische Zeitplanung, aber vielleicht ist es besser, wenn ich wenig Zeit habe darüber nachzudenken, dass mich 10.000km und kulturelle Lichtjahre trennen von allem, was ich kenne. Meine stereotypisch anmutenden Vorstellungen von diesem Land wurden bisher nicht nur bestätigt, sondern dermaßen übertroffen, dass einem schwindlig werden kann. Schwindlig wird es einem hier auch von der Hitze. Man klebt nach einer Minute an der Luft. Ist natürlich Klasse, wenn man nur abends die Duschen benutzen darf. Japan – gerne wieder. Yoyogi? Nie wieder, denke ich. Jetzt geht’s erstmal in die deutsche Botschaft zum Gartenempfang. Ohne Sakko.

2 Gedanken zu „Erst angekommen und schon geschmolzen“

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