Wann ich mal schlafen soll, hat sich soeben herausgestellt und mir den Rest des Abends versaut. Scheisse, wieso kann man nicht mal für eine Woche ohne Schlaf auskommen? Viel Spektakuläres gibt es heute daher nicht zu berichten. Die Eröffnung des Youth Summit artete in einer Mammutveranstaltung aus. Bitte nicht falsch verstehen, ich finde das alles ganz toll. Aber ich schreibe hier eben jede Geschmacksrichtung nieder; ich kann daher nicht abstreiten dass ich am Ende der Veranstaltung, die weitestgehend darin bestand in der Halle des Goethe-Instituts in Tokio zu sitzen und sich Vorträge und Dankesreden anzuhören, quasi am Einschlafen war.

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Dabei waren die Vorträge der hochrangigen Gäste durchaus hochspannend, aktuell und relevant für die Gruppenarbeiten in den nächsten zwei Tagen. Nach Grussworten der DJJG, MEXT, BMBF und MOFA hielt der deutsche Botschafter Daerr die Eröffnungsrede. Die Keynote Speech kam von Sonderbeauftragten des japanischen Kabinetts, Botschafter Nishimura. Wir hörten des weiteren einen Beitrag von Dr. Mochizuki von der United Nations University zum Thema „Background and Principles of Education and Sustainable Development“.

Es folgten noch zwei Kurzfilme. Einmal ein preisgekrönter Film der Immanuel-Kant-Schule Bemerhaven mit einem etwas einnehmenden Regisseur namens „Denk Mal – Mahn Mal“, der auch in Japan wieder kräftig am Material sammeln ist mit einer eigens angereisten Gruppe. Das andere ist ein Film des Azusagawa High School Broadcast Club der Präfektur Nagano unter Leitung von Ms. Saito mit dem Titel „12,7%“. Vergleicht man die beiden Filme, merkt man sofort wie sehr Ästhetik (sowohl der Bildgestaltung, als auch der Sprache und des subtilen Humors) den Japanern im Blut liegen. Während der deutsche Film sehr plump und grobschlächtig ausgeführt daherkam und in allen Bereichen gewisse Mängel aufwies (bis auf die Idee, die gut umgesetzt war), konnte der japanische Film selbst ohne Untertitel überzeugen, auch vor Allem durch eine sehr begabte Amateur-Seiju. Falls jemand den Film bei Youtube findet, bitte dringend Bescheid geben.

Achja, die Gruppen wurden nun auch gebildet. Es zeigt sich, dass viele der deutschen Teilnehmer extreme Probleme zu haben scheinen, sich auf die japanischen Mitglieder einzustellen. Interkulturelle Kompetenz ist nun einmal sehr schwer zu lernen, wenn man sie nicht bereits von Haus aus mitbringt. Eine japanische Teilnehmerin erzählte mir, sie studiere diesen Begriff sogar als Studienrichtung. Der Rest des Tages bestand aus sich kennen lernen und Gruppenvorstellungen.

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Für den Abend war eine Schnitzeljagd in Tokio angesetzt. Ich würde mich jedoch mit eigenem Ziel verzogen haben, zumal unser Gruppenleiter sich mit der Begründung er müsse arbeiten nach der Veranstaltung ebenfalls verzogen hat. Ich wollte nach Akihabara, dem Elektronik- und Otaku-Mekka. Allerdings wurden aus 5 Sekunden auf dem von der Klimaanlage gekühlten Bett dann mehrere Stunden. Wer es nicht weiß: Die Geschäfte in Tokio schließen um 22 Uhr, die letzten Metros fahren gegen 24 Uhr. Somit war der Tag gelaufen. Vielleicht bekomme ich ja am Samstag nach dem gemeinsamen Tokio-Rundweg noch Gelegenheit. Leider bin ich ja nicht in der Popkultur-Gruppe gelandet, sondern in Jener mit dem Thema „Tokios traditionelle Bausubstanz und ihr Erhalt“ oder so ähnlich. Zum Fotografieren wird es genügen, während der Rest der Gruppe auch noch auftaut.

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Morgen folgt ein Beitrag mit vielen Fotografien, denn ich war zum ersten Mal in einem angenehmen Tempo mit der Kleingruppe unterwegs und konnte echtes japanisches Mittagessen genießen sowie traditionelle Tempel und Schreine und den letzten Rest eines O-Matsuri (Festival). Der Youth Summit dauert noch bis Montag an, dann reisen viele Teilnehmer wieder ab. Anschließend geht die Youth Week noch bis Freitag. Ich habe erfahren, dass für mich noch immer keine Gastfamilie bekannt ist. Allerdings wurde mir nun plötzlich ein Praktikum in Aussicht gestellt. Wir werden sehen!

Ich habe mich inzwischen an die Hitze gewöhnt und kann weitestgehend aus dem Haus gehen, ohne sofort in Schweißausbrüche zu verfallen. Das ändert aber nichts daran, dann man am Ende des Tages tunlichst duschen sollte. Da ich es gestern nicht geschafft habe, habe ich heute morgen eine These geprüft, die die Mädchen mir gesagt haben. So war tatsächlich die Aussage, die Duschzeiten seien wegen des abgeschalteten Boilers eingeschränkt, wieder mal ein typisch japanischer Schlenker. Warmwasser gibt’s rund um die Uhr, und so erdreistete ich mich tatsächlich, am frühen Morgen die Dusche nachzuholen.

Übrigens, die Japaner haben eine ziemlich versetzte Zeit. Die Sonne geht schon um halb sieben unter und bereits gegen fünf Uhr auf (grob geschätzt). Noch weitere interessante Beobachtungen: In Pachinko-Hallen herrscht ein ohrenbetäubender Lärm. Die japanischen Zikaden sind Riesenviecher und genauso laut. An jeder Ecke piepst irgendwas und jedes mal etwas anders.


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