Kulturelle Tretminen 2

Dieser Artikel wird mehrere Tage verzögert publiziert. Denn mittlerweile habe ich Internet.

Erster Schultag. Um 6:45 Uhr aufgestanden. Ich mache Praktikum in einer Medien- und Kunstschule. Die Zeitverschiebung ist wirklich hilfreich, ich weiß aber nicht wieso, denn wir sind Deutschland ja sieben Stunden voraus, nicht hinterher. 7:15 Uhr Frühstück extra von Mama zubereitet. Es gab warmes Weißbrot mit Marmelade, Pilzen und einen Gemüseteller. Ich muss aufpassen, mich nicht dran zu gewöhnen. 8 Uhr zum Bus, 8:10 Uhr in der Stadt angekommen. Ich muss in der Schule um 9 sein und laufe 5 Minuten von der Bushaltestelle dahin, aber obwohl Papa das mit der Stoppuhr gemessen hat, unter Grinsen von Gastmama, darf ich nicht den Bus um 8:26 Uhr nehmen.

Okay, macht nichts. Eine halbe Stunde verbringe ich gerne auch damit, die äußerst adretten Uniformen anzuschauen, die radelnd und laufend durch die Gegend huschen auf dem Weg in die Schule. Komischerweise sind es weitaus mehr Mädchen als Jungs. Das hat jetzt auch erst mal gar nicht so viel mit irgendwelchen unanständigen Gedanken zu tun, die sich zweifelsohne aufdrängen. Es sieht wirklich einfach nur äußerst extrem wahnsinnig schick aus und ist irgendwie witzig, denn vor allem morgens und nachmittags gehört es zum Stadtbild dazu wie in Deutschland der Radfahrer.

Darüber hinaus sehen die jungen Japanerinnen tatsächlich wie aus einem Anime geschnitten süß aus, zusammen mit den eleganten Frauen auf dem Weg zur Arbeit und den Männern, die alle oben weiß unten schwarz tragen. Es vermittelt ein Gefühl von Ehrfurcht vor diesem Land und diesen Menschen, mir kommt Europa zunehmend chaotisch, barbarisch und rüpelhaft vor (Entschuldigung). Um noch ein wenig bei dem Thema Mode zu bleiben: Die ist hier ebenfalls sehr wichtig. Gut gekleidet zu sein ist wichtig und man wird sich bereits Underdressed vorkommen, wenn man auf der Straße in kurzen Hosen rumgurkt. Das Stadtbild ist hier auch von kurzem Rock und allen Arten und Längen von Kniestrümpfen geprägt, was hier sehr elegant aussieht, in Deutschland vermutlich nur im Rotlichtviertel anzutreffen ist.

Trotzdem zögere ich meine Kamera zu offensiv zu benutzen, nicht nur dafür. Ebenso wie ich zögere auf offener Straße auffällig etwas zu essen oder Leute zu lange anzustarren. Das macht man hier einfach nicht, auch wenn alle sehr freundlich sind. Ich bleibe aber trotzdem immer der Fremde, der gerne auch mal ignoriert wird oder von Jüngeren neugierig-grinsend angeschielt wird.

Okay, also um 9 angekommen in der kleinen privaten Medienschule mitten in der Stadt werden ich und Jolinka erst einmal begrüßt und den Sensei (Lehrern) vorgestellt. Meishi (Visitenkarten) werden auch ausgetauscht. Ich merke, dass ich mir japanische Namen einfach nicht merken kann… Zum Glück kann die Lehrerin gut deutsch, denn meine Klassenlehrer können es gar nicht. Das wird bestimmt lustig. Ebenfalls vorgestellt wurden wir zwei dem Praktikanten, der den Rest des Vormittags erst einmal damit verbrachte, uns Utsonomiya zu zeigen. Wir schauten und also die lokale Shoppingmeile an und den sehr schönen Schrein. Anschließend hab es Essen, natürlich diesmal auf Kosten der Schule (hoffe ich jedenfalls, dass nicht unser Praktikant das bezahlt hat).

Nach einer japanischen Führung durchs Rathaus, von der ich und Jolinka genau gar nichts verstanden aber immer eifrig nickten und zustimmten, damit es endlich weiterging, besuchten wir noch kurz einen Anime- und Mangashop. Natürlich hatte ich schnell herausgefunden, dass der Praktikant auch auf Anime steht – wenn auch auf die Sorten, die ich so gar nicht gern sehe. Immerhin, einer der Lehrer erkannte die Lucky Star Figuren bei der Rückkehr. Sie wollten wissen, was wir gekauft hatten, doch zunächst wollte ich damit nicht rausrücken. Immer noch bin ich sehr auf der Hut vor jedweden Fettnäpfchen. Auch die Kommunikation mit Jolinka musste am Morgen zunächst den Formalitäten und Begrüßungen weichen. Später war es dann aber ein netter Rundgang durch die Stadt zu dritt, und ab 14 Uhr war dann frei. Ich rief meine Gastfamilie an und teilte wie versprochen mit, falls und dass ich noch in der Stadt bleiben möchte. In dieser Hinsicht sind sie wirklich sehr tolerant.

Also probierte ich in der Stadt noch einmal Takoyaki (Ich hoffe, das stimmt jetzt) den mit süßen Bohnenpaste gefüllten, fischförmigen Backteig (Uguu~~~). Auf dem Rückweg nahm ich noch sehr einfallslos die obligatorische Wassermelone mit. Zunächst wollte ich die Honigmelone einstecken, die hatte keine Preisauszeichnung. An der Kasse traf mich dann jedoch der Schlag. 30000 Yen, also 25 Euro, für eine Honigmelone. Ich überlegte fieberhaft, wie ich mich aus der Misere manövriere, und fragte dann ganz unschuldig und naivdämlich, ob das eine Wassermelone sei. Das war es nicht, und ich durfte mir eine Wassermelone holen, die ich natürlich von Anfang an wollte. Glück gehabt. Das ist Japan, und so etwas passiert einem ständig.

Okasan-Gastmama war jedenfalls sehr dankbar, es endete (natürlich trotz allem Widerspruch) in einer kurzen Fahrt zum Supermarkt und ich musste mir was Süßes aussuchen. Ziemlich unwillig tat ich es, denn nach den ständigen Festessen war mir so gar nicht nach irgendwas zumute und ich wollte auch nicht gleich den Gegenwert der Melone in den Korb legen.

Abends also wieder langes Abendbrot mit langer und erstaunlich tiefsinniger Diskussion über christliche, islamische und japanische Religion, wobei Letzteres ja nicht so wirklich Religion genannt werden kann. Das gemeinsame, ausführliche und lange Abendbrot (Dinner) wird zur Regel, oft mit bis zu zwei Stunden Essen und Reden. Ich hatte die große Ehre – glaube ich – dass ich den Hausaltar gezeigt bekam, gut versteckt im verschließbaren Schrank. Dort wird den Eltern und Großeltern und der Katze mit einem Bild, Kerzen und Räucherstäbchen gedacht und sie sind quasi als Gott-Ersatz immer präsent. Ich fand das komischerweise superspannend. Wir waren uns auch einig darüber, dass Religionen wie das Christentum oder der Islam, die monotheistisch sind und gegenüber anders denkenden Menschen ignorant bis intolerant sein können, uns nicht gefallen. Oder so ähnlich.

Anschließend sprachen wir über die Finanzierung von Studium und Japanreise, was nicht so einfach zu erklären war, aber meine Gasteltern müssen gemerkt haben, dass ich sehr sparsam bin. Nein. Sein kann. Denn nach Akihabara habe ich mich schon gewundert, wo meine Kohle geblieben ist, die ich aus Deutschland mitgenommen hatte. Das Abheben mit der Kreditkarte hat aber zum Glück gut geklappt.

Dann sprachen wir noch darüber, warum in Anime die Frauen immer die Starken sind und wie es im Rest der Welt so ist. Wahnsinn, worüber man sich bereits nach zwei Tagen unterhält, in Japenglisch. Man kündigte mir für das Wochenende einen Besuch im eine Stunde entfernten Ferienhaus (?) des Otosan an, das wohl auch einen Onsen beinhaltet. Womöglich vermietet er es. Ich stelle fest, dass ich die Familie noch gar nicht gut kenne. Doch ich werde zunehmend integriert, auch wenn ich immer noch nicht die Dusche hinter mir saubermachen darf.

Gestern und heute wieder strahlte ich wie ein Lebkuchen im Ofen, weil man mir einen guten „common sense“ nachsagte. Na wo das wohl herkommt – und wer wohl jetzt strahlt. Lag jedenfalls daran, dass ich ständig frage, ob ich darf und ständig darauf hinweise, doch nicht so opulent zu kochen – nur um sofort klarzustellen, dass es schmeckt. Außerdem bin ich wohl der Erste, der sich zurückrufen lässt damit die Gasteltern das nicht bezahlen müssen. Ich fasse es nicht. Vielleicht liegt es daran, dass mir so viel Toleranz von Seiten der Gastfamilie entgegenschlägt.

Doch endet die Toleranz auch, wenn es heisst: Nein, 8 Uhr Bus, alles andere ist zu spät. Ich nehme auch an, dass es noch andere Gründe hat. Also gut. Dafür konnte ich erfolgreich erklären, dass ich bei 25 Grad Nachttemperatur nicht das Fenster schließen werde, um nicht zu erfrieren.

Schlussbemerkung: Himmel, Arsch und Zwirn. Ich will endlich irgendwie Internet. Gastpapa erzählt mir mehrmals wie günstig Mailen ist, ich frage mehrmals, ob er immer das gleich zahlt egal wie viel er surft oder mailt. Trotzdem komme ich mit diesem Thema nicht weiter. Ich fühle mich wie Marco Polo auf dem Pazifik. Oder wo der da langgesegelt ist. Fotos geschossen bis Heute, Tag 13: ca. 1000 Stück. Allerdings zur Zeit dieses Beitrags keine besonders zeigenswerten, da ich alle Hände voll zu tun habe, mich einzuleben.