Fünf Minuten (Update)

Stellt man sich in Japan zur richtigen Zeit an die richtige Kreuzung, kann man ein interessantes Phänomen beobachten. Eine Schaar von uniformierten Schulmädchen auf dem Weg in die Shoppingmeile oder nach Hause, stets begleitet von einer Schaar uniformierter Schuljungen, wird im Takt der Ampel auf die Straße geworfen. Immer sind es Grüppchen, die lachend und feixend den restlichen Nachmittag damit verbringen, neue Anhängsel für ihre Handystraps zu kaufen, Purikuris zu schießen oder einfach in den zahlreichen Spielhallen mit dem UFO-Catcher ein bisschen Geld liegen zu lassen. “Ich hab mich heute mit der kleinen Schwarzhaarigen unterhalten” ist bei den ausländischen Gästen ein oft gehörter Spruch.

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Utsunomiya Street Shots

Heut nur Schule und Shoppen (das geplante Kimonogeschäft hatte zu, ebenso das Cosplay-Café), also schleppten uns unsere zwei Lehrer – beide jünger als ich – in das größte Kaufhaus der Stadt. Erste Street Shots. Mist, die Kleine hats gemerkt, hoffentlich petzt sie den bösen Gaijin nicht.

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Das Foto der Staffelei zeigt ein Gemälde eines Schülers meiner Kunst- und Medienschule. Die letzten zwei Fotos zeigen den Ausblick aus meinem Zimmerfenstern kurz nach dem Taifun.

Verklemmte Wessis

Taifun hat ganz unsportlich angetäuscht und ist an Japan vorbeigezogen. Das hieß heute wieder schwülwarmes unerträgliches Wetter. Heute also zweiter Schultag. Animation und Manga stand auf dem Stundenplan. Unsere Klasse hatte sich irgendwann gegen zehn Uhr halbwegs vollständig eingefunden. Der Lehrer nahm’s gelassen.

Die sehr unterschiedlichen Schüler arbeiteten weiter an ihren Projekten, mal mit dem Tausende Euro teuren Grafiktablett-Bildschirm, mal ganz altertümlich mit Stift und Papier. Michael und ich durften uns kleine Intuos Grafiktabletts anschließen. Ich stelle fest, dass ich so ein Ding echt brauchen kann, damit kann man doch recht gut arbeiten.

Unser Lehrer hatte dann irgendwann spitz gekriegt, dass ich mich ziemlich für Anime interessiere. Dann war er nicht mehr zu halten und quasselte mich eine Stunde lang auf japanisch zur Manga- und und Otakuszene voll. Ich verstand ungefähr 5% obwohl es mein Fachgebiet ist. Das zeigte mir wieder extrem, wie schlecht mein Japanisch ist.

Ich habe dann nur noch am Rande mitbekommen, wie die Diskussion irgendwann bei Seifukus landete. Ich werde mir daran ein Beispiel nehmen. Ich denke, ich fange bei den Plakaten fürs nächste Semester Animereferat in der Hochschule damit an. Mal sehen, wie das ankommt.

Apropos. Da ich grade keine ordentlichen Fotos zur Hand habe, mal ein paar Schüsse des hübschen und bis ins hinterste Eck detaillierten Mitbringels.

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Noch ein Foto meiner Mitschüler, von dem ich nicht weiß, ob ichs posten darf, daher geschwärzt. Cosplay ist hier nicht irgendwelchen Conventions oder Messen vorbehalten, sondern hat etwa den Stellenwert eines Hobbies oder Modetrends. Viele junge Leute auf der Straße haben auch als normale Alltagskleidung eine Art Kostüm an, nur nicht so extrem wie das klassiche Cosplay eines Anime- oder Mangahelden. Es ist eher dezenter und modischer, mit verschiedenen Stilrichtungen. Ich denke, wenn ich mit dem Tele unterwegs war, werde ich das zeigen können.

In der Zeitung war ich übrigens auch. Extra nochmal in Vergrößerung… Der Bürgermeisterbesuch hat ganze zehn Minuten gedauert. Und dann so ein Wirbel. Tsss.

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Mit meinen Gasteltern läuft soweit alles Bestens. So gut, mittlerweile, dass ich mich ständig frage, ob nicht doch irgendwas ganz krumm läuft von dem ich nichts mitbekomme. Die Japaner planen ja tagtäglich hinter dem Rücken der deutschen Gäste, stellen Gerüchte und Verschwörungstheorien auf, dass es einem die Haare aufstellt. Wenn man dann gefragt wird, wieso und weshalb man dies und jenes, kann man nur noch mit ratlosem Gesichtsausdruck antworten, was zum Teufel denn gemeint sei. Denn man hat ja gar nicht dies und jenes. Heute habe ich dann meine Gasteltern irgendwie kreuzdämlich gefragt, ob alles soweit ok sei. Ich habe nicht mit einem hartnäckigem japanischen “Warum?” gerechnet, das ich erst nach einer halben Stunde aus der Welt geschafft hatte (Es gab kein “warum?”).

Zum Schluss noch ein Foto aus der Nähe des Schreins. Dies kann als ganz normaler Stadtanblick durchgehen.

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Planschbecken

Die letzten drei Tage waren soweit unspektakulär, als dass ich in der Schule meines Praktikums begleitet von Jolinka und zwei Praktikanten/Lehrern/Studenten quasi ein Sightseeing nach dem Anderen mache (Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, was sie nun eigentlich genau sind und machen). Wobei Sightseeing so ungerechtfertigt ausgedrückt ist. Wir nehmen immer den Van der Schule und fahren in der Stadt, um uns zum Beispiel Möbelhäuser anzuschauen (interior design) oder andere Shops, die alle irgendwie etwas mit Design zu tun haben. Zum Beispiel auch Mode. Oder komische unterirdische Ausgrabungen oder Tempel und Schreine.

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Es gibt hier in Japan einige geile Dinge, die ich gern in Europa sehen würde. Dazu gehören zum Beispiel die tollen Muster auf Stoffen und Geschirr sowie Gardinen und Raumteilern. Die Möbel selbst sind hier allerdings weitestgehend die gleichen wie im Westen, wenn es nicht grade um die typischen Sitzmöbel eines Japaners geht. Das mit dem Sightseeing hat allerdings nächste Woche ein Ende. Jolinka hat ihren Stundenplan schon, ich bekomme meinen aber sicherlich auch noch.

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Merchandising hat Ghibli immer und überall am Meisten.

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Diesen Film als Quasi-Nachfolger von “Das Mädchen, das durch die Zeit sprang” muss ich sehen. Summer Wars.

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Nach der Schule lande ich dann im Internetcafé, dessen Leckereien und Getränke zwar sauteuer, aber saugut sind. Jedenfalls bis gestern, denn seit heute weiß ich einen anderen Weg, an Internet zu gelangen. Der ist zwar heikel, aber no risk no fun.

Am Samstag durfte ich zwischen Japanern planschen. Ich kam endlich zu meinem ersten Onsen-Besuch. Wir fuhren zwei Stunden aus Utsonomiya raus und nach kurzem Zwischenstopp auf einer Obstplantage, dessen Besitzer mit meinem Gastpapa befreundet ist, gelangten wir zu dem Ferienhäusschen meiner Gasteltern. Okay, nennt es vielleicht lieber Wochenendschuppen, aber es genügt um drin zu schlafen. Gut, dass der heranziehende Taifun uns erst am Montag mit abnormalen Regenmengen beglücken soll.

Der Onsen selbst – nun, ich habe noch nie etwas Fremdartigeres erlebt. Es ist schwierig zu beschreiben, aber sobald man ein japanisches Badehaus betritt – noch dazu kein Modernes, sondern eher ein Traditionelles – legt man mit sämtlichen Klamotten auch den letzten Rest der eigenen Kultur ab, möchte man meinen. Das schützt zwar nicht davor, von sämtlichen japanischen Gästen des Badehauses entgegen aller japanischen Sitte mit Blicken auseinander genommen zu werden, doch vermittelt es absolut das Gefühl, jetzt dazu zu gehören. Nicht viele Gaijin verirren sich in einen traditionellen Onsen, noch dazu einen, der vor allem sehr alten Mitgliedern regelmässig als Bade- und Heilanstalt dient.

Daher kam ich nicht nur in das Vergnügen, in einem klassischen Onsen zu Baden. Nein, auch die zwei anderen Becken probierte ich aus, zusammen mit Gastpapa. Diese enthielten eine Art Kräuterbad (Er nannte es „plant drugs“) und riechen etwas gewöhnungsbedürftig. Sobald man aber in dieser Brühe drin sitzt, hat man andere Sorgen. Die ist nämlich so kräftig, dass manche Körperstellen anfangen, verflixt zu brennen. Davor hat man mich schon gewarnt, aber ich wollte es ausprobieren. Ich war nur überrascht, dass das, was brannte, keineswegs der Oberarm war, den man mir gezeigt hatte.

Die Japaner haben auf mich mit gemischten Gefühlen reagiert. Die Hälfte, die mich nicht ignoriert hat, schien aus dem Onsen zu flüchten oder fing sofort an, mich sehr freundlich interessiert auf Englisch direkt und ohne Hemmungen vollzuquasseln. Und ja, ich hatte mich vorher gewaschen. Ein Japaner, der grade ausstieg, spritzte mir angeblich ganz aus Versehen die eklige Kräuterbrühe ins Gesicht. Oh, ich bin sicher, das war absolut aus Versehen. Nachdem wir ein halbes Dutzend mal die Becken gewechselt hatten, war der Spuk auch schon wieder vorbei. Es gab dann noch Ramen zum Abendbrot.

Auf jeden Fall ist diese Einrichtung nicht vergleichbar mit einem europäischen Schwimm- oder Thermalbad. Die Leute verhalten sich dort wie eine große Familie. Die Sachen liegen offen herum, die Leute sitzen und liegen auch herum. Ich habe natürlich keine Kamera einschmuggeln können und wollen. Aber den Onsen gibt’s auch im Web. Ein wenig blind  durchklicken und man findet ein paar Fotos.

Am Sonntag besuchten wir noch einen weiteren Freund meines Gastpapa und auch touristische Ziele in der Nähe. Leider kann ich im Moment nicht rekapitulieren, wie die Region hieß. War auf jeden Fall ein sehr amerikanisches Touristendorf entlang der Straße mit hochgezogenen Fresstempeln und einem berühmten touristischen Ziel, allerdings hat mich das ganze etwas abgestossen, da es insgesamt nicht besonders japanisch rüberkam, durch die amerikanisierte Aufmachung und die ganzen Touristen.

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In Utsonomiya zurückgekehrt, erlebe ich live im Fernsehen den erdrutschartigen Sieg der Oppositionspartei im Fernsehen. Yay, we can. Die seit 40 Jahren regierende Altpartei wird abgelöst. Irgendwie verständlich, denn mit der Ankündigung, die Verbrauchersteuern von 5% auf 30% zu erhöhen (so erklärt man mir) hat sie sich schlagartig ins Jenseits befördert. Das Warum muss ich mir erst noch erfragen oder errecherchieren. Welche Partei begehtschon freiwillig Selbstmord – außer in Japan.