Fang die Nudel

Kleines und vermutlich eins der letzten Updates aus Japan, denn wir haben Mittwoch Abend. Heute waren wir nochmal in Töpferei-Town Mashuko (oder so ähnlich) und haben uns die Finger schmutzig gemacht. Nicht der erste Ausflug mit unseren Mentoren der Medienschule, die das auch gleich öffentlich ausschlachtet – auf dem ersten Foto sieht man uns neben dem Maskottchen der Schule, auf dem letzten Bild vor dem Gebäude der Präfekturverwaltung Tochigi in Utsonomiya.

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Eines vorweg: Sorry, dass es zur Zeit so wenig Fotos gibt. Den ganzen Tag in der Schule sitzend muss man abends die Zeit zum Shoppen und Rumfahren nutzen. Wenn es dann mal Ausflüge gibt, sehe ich nicht den Sinn, irgendwelche Sake-Fabriken zu fotografieren. Aber auch sonst habe ich keine Ruhe, die wichtigen Dinge des Lebens zu fotografieren, und dieses Bild nur mal als Beispiel wie man es nicht macht.

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Ich hab noch nie mit Drehscheibe getöpfert, und im Schneidersitz werd ich es auch nicht noch einmal. Nach der halben Stunde bin ich kaum mehr hochgekommen. Ich versteh nicht wie manche Leute so sitzen können. Ich konnte es die letzten Wochen auch gut vermeiden. Na, jedenfalls habe ich so fünfeindrittel runde gefässähnliche Gegenstände hervorgebracht die mir die Lehrer unserer Schule, welche diesen Spaß veranstaltet hat,  dann nach Deutschland schicken werden. Gegen jeden Protest, der natürlich sinnlos war.

Anschließend haben wir Nudeln gefangen. Nagashi Somen zu essen ist schon eine kleine Herausforderung. Es wird derjenige satt, der mit Stäbchen am Besten umgehen kann. Außerdem eine gute Gelegenheit zu beweisen, wie gut entwickelt oder auch bei manchen Gästen unterentwickelt das Gespür für Rücksichtnahme gegenüber den anderen am Essen teilnehmenden ist, denn alle essen aus dem gleichen Topf und der ist irgendwann alle.

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Der weitere Plan für den Rest meines Japans sieht aus wie folgt: Donnerstag wird Kuchen gebacken für die Lehrer in meiner Medienschule, wo ich Praktikum mache seit drei Wochen. Natürlich nach dem Unterricht bis 5 Uhr Nachmittags. Freitag nochmal Unterricht und danach Souvenirs einkaufen. Mama und Papa haben gefragt, ob ich auch für alle schon was habe und haben sich anschließend den Rest des Abends den Kopf zerbrochen, was man wem mitbringen könnte. Ich habe versichert, dass meine Freunde schon gut versorgt sind. Denn das Souvenir ist das Image Japans in der Aussenwelt, haben sie gemeint. Freitag abend ist Abschlussparty in Utsonomiya, Samstag Mittag gehts nach Tokio. Abends werden wir wohl was mit unseren japanischen Freunden aus der Youth Week etwas unternehmen, Sonntagist freie Gestaltung und Abends Abschlussparty aller Teilnehmer. Montag gehts nach Deutschland zurück. Das heisst, vermutlich ab Samstag keine Blogeinträge mehr bis Dienstag.

Zurück zur Kultur. Überhaupt sind die Erklärungen für manche Dinge sehr interessant. So fragte ich, was es mit dem Bambusstab auf sich hat, der mit fließendem Wasser an einer Aufhängung für ein stetes wiederkehrendes hohles Klopfgeräusch sorgt. Ich kenne das bisher nur aus Anime, aber ich habe das auch schon hier in Japan gesehen, allerdings selten. Erklärt wurde mir der Sinn nach kurzem Lachen (“Weshalb? Haha…” a la: Wie kann man nur nach dem Wieso fragen) folgendermaßen: Die Japaner haben ein ruhiges Herz und ein ruhiges Wesen, die Stille ist ihnen ein hohes Gut und Ort der Konzentration. Der Stab symbolisiert den langsamen Herzschlag der Natur. Sehr spannend, ich werde jetzt nicht nachschlagen, wozu der Stab wirklich da sein könnte oder was andere Gründe sein könnten.

Ebenfalls interessant ist das Sozialverhalten der Schüler. Während der Unterrichtszeiten ist ein Kontakt nur schwer möglich, da diese sich dann in einer Art Schüler-Rolle befinden. Es mag ebenfalls daran liegen, dass sie nicht vor dem Rest der Gruppe ein Gespräch mit Deutschen anfangen werden. Auch befinden wir uns hier in Utsonomiya offenbar im Äquivalent eines Dorfes. Verglichen mit Tokio definitiv, denn die jungen Leute hier sind schüchtern wie sonstwas. Der Lehrer muss sie zum Teil erst zwingen, sich mit uns zu unterhalten.

Sitzen die Deutschen zu dritt zusammen, ist an einen Kontakt gar nicht mehr zu denken. Deswegen bin ich auch sehr enttäuscht, dass ich (pardon aber es ist nun einmal so) einen Ur-Deutschen als Klassenkameraden habe. Das führt dazu, dass ich nicht nur neben einem Deutschen im Unterricht sitze, sondern auch noch dazu genötigt werde, auf ihn zu warten, mit ihm Mittag zu essen und Sonstiges aus Höflichkeit oder Rücksichtnahme zu tun. Dies ist allerdings gar kein Vorwurf an ihn, sondern einfach eine unglückliche Situation. Was man vorwerfen könnte, wäre mangelhaftes Taktgefühl, denn nach den zum Teil sehr teuren Ausflügen der Lehrer mit uns kauft man als Abschiedsgeschenk einfach nicht im 100 Yen (1-Euro) Shop ein, sondern beisst eben mal in den sauren Apfel und gibt für die 50g-Tafel Lindt-Schokolade oder den Mini-Riegel Toblerone 3 Euro aus. Allerdings haben wir jetzt eine Lösung.

Und bitte erinnert mich daran, die Japaner beim Deutschlandbesuch vom Fahrradfahren abzuhalten, die überleben das nicht. In Japan gibt es kein schwarzweiß-Denken. Die Regel, dass man auf dem Fussweg nicht Fahrrad fährt oder auch Links-vor-Rechts im Straßenverkehr sind hier Dinge, die generell missachtet werden, wenn es die Situation erfordert. Dies ist zum Beispiel immer der Fall, wenn auf dem Fussweg noch ein paar Zentimeter Platz für ein Fahrrad sind.

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Das ist übrigens mein Lieblingsgeschäft, ich habe offenbar ein untrügliches Gespür für Süßes, denn ich habe mindestens den besten Tayaki-Shop der Präfektur aufgetan, so sagte man mir. Gefüllt wahlweise mit Vanillepudding oder süßen Bohnen. Die mit deutscher Kartoffelfüllung habe ich nicht probiert. Nach ein paar Stunden schon sind sie aber leider nicht mehr knusprig.

O-Matsuri und Youth Week

Es ist gar nicht zu beschreiben, wie herzlich, warm und freundlich die Atmosphäre bei der Abschiedsfeier der Youth Week der Deutsch-Japanischen Youth Summit in Tokio war. Es wurden Dankesgeschenke ausgetauscht und wieder einige Millionen Fotos geschossen. Ich mit Dir, Du mit mir, wir mit euch, ihr mit uns, ich mit euch, ihr mit mir, wir mit uns, ihr mit euch. Leider habe ich – unverzeihlich – das Abschiedskonzert und den Beginn der Feier verpasst, weil mich Tokio zu lange in seinem Griff gehalten hat. Wie kam das?

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Über Akihabara habe ich ja schon geschrieben. Also habe ich mit einem Freund zusammen am Freitag ein weiteres Mal dieses Viertel (sowie Ikebukuro, welches ebenfalls einem Otaku eine Menge bietet) besucht. Es ist unglaublich. Man mag ja glauben, nach vier Tagen hat man langsam alles gesehen. Ja Denkste. Jedes Haus hat sein dutzend Stockwerke, und wenn man nicht aufpasst, übersieht man gerne mal einen Eingang. In einer Seitenstraße jedenfalls war außerdem grade ein kleines O-Matsuri im Gange, sehr authentisch und sehr fröhlich. Die Menschen tanzten alle zu Trommel und traditioneller japanischer Musik und empfingen uns Gaijins sehr herzlich.

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Bereits am Donnerstag abend waren wir dort extrem aufgefallen, da wir in Anzug und Krawatte sowie alle anderen Japaner überragend nicht zu übersehen waren. So probierten wir jede lokale Spezialität von diversen Fischspeisen bis zu dem berühmten gestossenen Eis mit Sirup. Ich würde dafür sofort jedes italienische Eis links liegen lassen, denn bei der Hitze ist das einfach nicht zu schlagen. Am Interessantesten fand ich die Mischung der Tänzer im Kreis um die Bühne zur Musik: da tanzten blutige Anfänger zusammen mit eleganten, in Kimono gekleideten Mädchen zusammen mit sehr niedlichen, in Kimono gekleideten Kindern zusammen mit einer Meido und einem Schulmädchen in Seifuku. So etwas sieht man nun wirklich nur in Japan.

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So verbrachten wir den Abend auf dem Fest und merkten etwas spät, dass wir noch auf einem Abschiedsfest sein sollten. Dennoch, wir kamen noch rechtzeitig und klitschnass an, so dass wir uns nach einer kurzen Dusche zu besagtem Dinner und Abschiedsfest gesellen konnten. Ich ignorierte also noch etwas länger meine Füße, denn ich habe noch nie im Leben solche Schmerzen gehabt nach 11 Tagen Dauerlauf in Tokio. Es gab jeden Abend nichts schöneres, als sich im kühlen Luftzug der Klimaanlage aufs Bett zu werfen, den Laptop anzuwerfen und die Bilder zu kopieren. Ich darf gar nicht erzählen, dass es nicht nur einmal passiert ist, dass ich erst am nächsten Morgen Laptop und Zimmerlicht wieder ausmachen durfte. Einschlafen nach zehn Sekunden – das soll mir erstmal jemand nachmachen.

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Aber zurück zum besonderen Abend. Das Interessante auf diesem Abschiedsfest von der Youth Week war die Beobachtung, dass die Japaner uns Deutsche weitaus häufiger beschenkten als umgekehrt. Ich hätte irgendwie erwartet, dass jeder der Deutschen mindestens einen Kontakt hat, dem er in irgendeiner Weise dankbar sein müsste.
Schließlich haben sich einige der japanischen Freiwilligen in dieser Woche unmenschlich verausgabt, um uns einen der schönsten Aufenthalte in einem Ausland zu bieten, die man haben kann. Eigentlich hätte der Hauptorganisator der freiwilligen Zusatzevents (wie Abends durch die Kneipen ziehen oder das Baseball-Spiel ansehen) mit Geschenken überhäuft werden müssen. Eigentlich war man darauf vorbereitet, dass man auf Gastgeschenke eine kleine Antwort haben sollte. Naja, ich bin wieder etwas lästig, entschuldigt bitte.

Sehr lieb fand ich die Mädels in meiner Gruppe, die nicht vergessen haben, dass ich am Ende des Youth Summit vor ein paar Tagen die Gastgeschenke für alle vier Japaner sponsern wollte und durfte, weil niemand etwas dabei hatte außer mir. Selbst obwohl wir am Tag davor mehrmals darüber gesprochen hatten. Aber ich kann das ein Stück weit nachvollziehen, denn ich habe mich auch mehrmals gefragt auf dem Weg zur Abschiedsfeier der Youth Week, ob es denn nun richtig ist, den drei japanischen Organisatorinnen etwas zu schenken, obwohl ich nichts wirklich mit Ihnen zu tun hatte. In der deutschen Kultur fragt man sich da gerne schnell mal, ob das nicht aufdringlich und zuviel des Guten ist.

Am Ende zeigte sich aber, dass es goldrichtig war. In Japan ist schenken wirklich nichts, was mit dem Sachwert zu tun hat oder mit der Größe des Geschenkes. Es ist die Art, Danke zu sagen. Ich bin außerdem ganz sicher, die Japaner haben ganz genau zur Kenntnis genommen, wie wir uns verhalten haben. Denn die Tatsache, dass unsere deutsche Hälfte der Youth-Summit-Themengruppe am heutigen Freitag etwas geschenkt bekam, war zum großen Teil eine Antwort und ein Dankeschön für die Geschenke (das „Danke“) des Youth Summit. Natürlich besteht die Kultur aus weitaus mehr als dem Schenken, aber es ist ein Paradebeispiel dafür, wie schwer es ist sich in dieser fremden Kultur zurechtzufinden. Manche haben es mehr im Blut als Andere, aber lernen kann es jeder der sich Mühe gibt.

Trotz aller Widrigkeiten war es also die genialste Woche meines Lebens, die freundlichsten Menschen die ich je kennen gelernt habe (auch auf deutscher Seite) und für alle sicherlich ein einmalig schönes Erlebnis. Das Karaoke habe ich trotzdem geknickt, sonst wäre ich wohl nicht mehr in der Lage am Samstag früh Koffer zu packen und zu meiner Gastfamilie zu fahren. Ich bin gespannt, was die nächsten Tage für mich bereithalten. Ich bin von Japan bisher absolut nicht enttäuscht worden – bis auf die fragwürdige Verfügbarkeit und Preis von Internet und den bekannten Badezeiten, die wir aber inzwischen weitestgehend aufgeweicht haben (Irgendwo auf der Welt ist immer Badezeit… Ich mach doch nicht das ganze Waschbecken nass… Ich habe gestern abend nicht…). Japan ist wirklich das Klischee, das jeder kennt. Nur ist es darüber hinaus noch so viel mehr. Danke an alle Teilnehmer, die sich die Mühe gemacht haben, an diesem Programm mitzuwirken.

Arigato.

Im Paradies Akihabara [Upd.]

Ach Du Scheisse. Manga und Anime sind, so könnte man nach einem Besuch in Akihabara (und auch Ikebukuro) meinen, der Japaner einzigste Lieblingsbeschäftigung. Ich bin also am Dienstag dort von 13 Uhr bis 23 Uhr gewesen und auch am Donnerstag noch einmal und wie es aussieht aufgrund eines Versprechens auch am Freitag noch einmal. Also – Es folgt Tripple-Blogging der letzten Tage in Tokio, denn am Freitag ist am Abend Abschiedsfeier für alle Teilnehmer der Youth Week und am Samstag ziehe ich hier aus. Anschließend geht’s zur Gastfamilie (JA! Ich habe endlich eine!) nach Utsonomiya zwei Stunden von Tokio entfernt. Mit dem Shinkansen ist es nur eine Stunde, aber dann kostet es 50 statt 20 Euro, heisst es.

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So, was gibt es über Akiba zu sagen? Mit offenem Mund kann man dort die Hauptstraße und die Seitengassen entlanglaufen. Dicht an dicht drängen sich mehrere Stockwerke hoch die Doujin-, Manga-, Anime-, DVD- und Elektronikshops. An jeder Straßenecke stehen zuckersüße Meidos und werben für eines der zahlreichen Meidocafés. Überall flimmert es von den Monitoren und man sieht sofort, dass zur Zeit die große K-on, Toradora, Spice and Wolf 2.0 und Haruhi 2.0 Marketingmaschine auf Hochtouren läuft. Die UFO-Catcher locken mit noch nicht käuflich verfügbaren Figuren, an jeder Ecke klimpert einem die Titelmelodie der Animes entgegen. Ohrenbetäubende Pachinko- und Spielhallen stehen dem Besucher ebenfalls offen.

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Die schmalen, ein dutzend Stockwerke hohen Shops sind an der Außenfassade mit zahlreichen Plakaten beklebt und auch die Keller sind – extrem gut herunterklimatisiert – nicht zu verachten. Dort findet man nicht nur kleine Doujin-Geheimtipps sondern so man möchte auch die Ü18-Abteilungen aus dem Anime- und Realfilmbereich. Die Erotikabteilungen westlicher DVD-Verleihe ist gegen die sich mehrere Stockwerke hinziehenden Filmsammlungen übrigens ein Witz. Auch die DVD-Cover sind hier weitaus ästhetischer und wirklich ein Blickfang für den geneigten Besucher, im Gegensatz zu den Übelkeit erregenden DVDs in deutschen Shops.

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Ich war allerdings nicht (so sehr) geneigt und wollte auch lieber ein bisschen im Anime-Merchandising stöbern. Allerdings muss man da wirklich Zeit mitbringen, die ich mir dann auch vom DJJG-Programm abgezwackt habe. Dafür auch an dieser Stelle noch eine Entschuldigung an die Organisatoren sowie die lieben Mitreisenden. Ich habe diverse (optionale) Veranstaltungen sausen lassen, um noch einmal nach Akihabara und andere Bereiche Tokios zu kommen. Die Ergebnisse der Beutezüge seht ihr auf den Fotos.

Selbstverständlich durfte auch ein Besuch in einem Meidocafé nicht fehlen. Die Komilitonen aus dem Animereferat der Hochschule Furtwangen wären kerzengrade und raketengleich durch die Decke gegangen, hätten Sie diesen Anblick genießen dürfen. Eigentlich wollte ich mit der Kollegin rein, aber da ich sie auf dem Handy nicht erreichte, blieb mir nur die Wahl zwischen Alleine rein oder Alleine nicht rein. Also reservierte ich mir einen Sitzplatz für ein Stündchen, bei der jungen verkleideten Japanerin die sofort auf mich zustürmte, als ich aus dem Fahrstuhl stieg und den zartrosa Raum betrat.

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Bitte, das hat jetzt niemand gesehen, okay? ^^”

Dann durfte ich erst einmal das skurrile Schauspiel genießen, denn anders kann man es kaum nennen. Mehrere blutjunge Meidos in zuckersüßen Kostümen wuselten zwischen den Besuchern allen Alters und Nationalität hin und her. Hier spielte eine Meido grade Karten mit dem Japaner und ließ immer ein entzücktes Quietschen los, wenn Sie wieder gewonnen hatte. Dort servierte grade die Meido mit den hohen schwarzen Strümpfen und dem Totenkopf im Haar das Omelett, um es daraufhin mit Ketchup zu bemalen. Einmal die süße Katze aus Ketchup und Majo, bitte. Dann darf noch der Zauberspruch nicht fehlen, der dem Ganzen den guten Geschmack verleiht. Zusammen mit dem Gast wir lauthals ein „moe moe!“ gestikuliert, um den Reis noch ein wenig schmackhafter zu machen.

Am amüsantesten waren immer die Gesichter der neuen Gäste, die der Fahrstuhl gelegentlich in den Raum spuckte, während die Glöckchen am Windspiel aufgeregt klingelten. Mit offenem Mund und ungläubig staunendem Blick überlegten die Gäste, wie sie nun in Gegenwart der anderen Gäste auf diesen Ansturm an Süßwaren auf Beinen reagieren sollen. Wie überall in Japan sind aber auch hier die Regeln klar. Fotografieren und Anfassen verboten.

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Die deutsche Anime- und Mangaszene ist verglichen mit dem Angebot in Akiba so unscheinbar und klein, dass man sie problemlos komplett hinter dem nächsten Ayanami Rei Pappaufsteller verstecken könnte. Nein, die sind leider nicht verkäuflich. Ich gebe zu, man muss sich zumindest ein wenig dafür interessieren, sonst könnte man schon auf den Gedanken kommen, das Lächerlich zu finden. Allerdings gibt es in Tokio so viele Verrückte, Interessante und Schräge Sachen… die man eigentlich glatt übernehmen sollte.

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So frage ich mich jedes Mal, wenn ich vor einem der zahlreichen Automaten stehe und mich entscheiden muss zwischen heißem Kaffee, Eiskaffee, grünem Tee, Weizentee, Grillhähnchen mit Pommes und Teelimonade, warum gibt es das nicht in Deutschland? Weshalb zeigen die Ampeln in Deutschland nicht an, wie lange es noch dauert, bis es grün wird? Weshalb können wir in Deutschland nicht schon mit einer einzigen Karte berührungslos sowohl den Getränkeautomaten als auch die U-Bahn als auch das Handy bezahlen? Wieso haben wir in Deutschland keine dermaßen schicke, diverse Modeströmungen wie in Tokio? Weshalb schmeckt sogar der McDonalds und die Crepes in Tokio tausendmal besser als in Deutschland? Wieso bedankt sich in Deutschland niemand, wenn man ihm zum Vorbeigehen Platz macht? Warum macht in Deutschland niemand Platz, wenn Jemand vorbeigehen möchte? Wieso kann man in Tokio problemlos im dichtesten Gedränge eine empfindliche Plastiktüte mit Inhalt transportieren? Wieso wird man in Deutschland nicht als Kunde freundlich begrüßt und noch freundlicher verabschiedet, wenn man etwas gekauft hat? Wieso habe ich den Eindruck nach drei Tagen Tokio, dass ich schon einen Monat hier bin?

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Es gab in Tokio Momente, da habe ich staunend, ehrfürchtig und mit einem tiefen Gefühl der Gerührtheit sprachlos Jemand gegenüber gestanden – und das nur aufgrund einer kleinen, eigentlich selbstverständlichen und zuvorkommenden Geste. Allerdings gab es das auch umgekehrt. Ich erinnere mich an die sehr süße junge Japanerin (die meisten Japanerinnen sind sehr süß, und sehr jung) die mir mit offenem Mund und freudigem Ausdruck hinterher geschaut hat, da ich ihr für sie völlig unerwartet Platz gemacht hatte. Aber es macht auch Spaß, wenn man dafür ein Dankeschön erntet. Auch dies ist wieder nur ein kleines Beispiel für eine der vielen beeindruckenden Arten, wie Japaner menschlich miteinander umgehen.

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Ich möchte aber damit nicht sagen, dass wir hier ein Paradies haben. Ich wähle als Beispiel hier nur zwei Dinge. Da sind zum Beispiel die alten, verfallenden Gebäude im Zentrum Tokios. Direkt an die neuen modernen Bauten angrenzend, scheint sich niemand um sie zu kümmern und sie zu sehen. So wie die Obdachlosen Menschen, die ebenfalls übersehen werden. Zum Teil schlafen sie in manchen Stadtteilen mitten auf dem Fußweg. Offiziell existieren sie jedoch gar nicht. Ich wollte auch noch die unbekannteren Viertel Tokios besuchen, die Rotlichtmeile, die Hafenviertel, die Seiten an Tokio, die der Tourist nicht sieht. Leider blieb für alles zu wenig Zeit. Daher werde ich noch bis zum nächsten Japanaufenthalt warten, bevor ich mir mein euphemistisches Bild Japans zerstöre.

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Update ab hier: In Ikebukuro gibt es in der Sunshine City auch eine Anime- und Mangameile, die ist zwar sehr viel kleiner als in Akiba, aber auch sehr viel billiger.

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Kulturelle Tretminen

Wie ihr vielleicht ahnt, sind die Blogbeiträge immer ein bis zwei Tage verzögert. Das bedeutet, ich war bereits am freien gestrigen Dienstag in Akihabara, während ich eigentlich den Beitrag für das Wochenende schreiben sollte. Aber das mache ich jetzt etwas zusammengefasst. Es folgt also die Zusammenfassung für Sonntag und Montag, 16+17. August. An diesen Tagen fand der Youth Summit seinen Höhepunkt und Abschluss.

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Am Sonntag waren wir viel unterwegs, bevor wir uns an die Diskussion und Vorbereitung der Präsentation für den Höhepunkt des Youth Summit am Montag machten. Die Bilder erzählen auch heute wieder mehr, als ich über die Tempel und Schreinbesuche schreiben könnte. Wie üblich hatten wir wechselweise 30° im Schatten und Ohne bei üblich hoher Luftfeuchte.

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Der Museumsbesuch erzählte uns die Geschichte Japans im Blickwinkel von Krieg und Frieden, Sieg und manchmal auch Niederlage. Die Darstellung einiger Sachverhalte war ein bisschen gewöhnungsbedürftig oder nur sehr indirekt verständlich, vor Allem wenn es um Niederlagen ging oder gar den Ausgang des 2. Weltkrieges. Ganz wichtig war immer, eine Entschuldigung für jede offensive Handlungsweise zu präsentieren. Ich möchte nicht sagen, dass die Darstellungen falsch waren, aber sie waren manchmal dermaßen verzerrt, dass man sich fragt, welche Darstellung die „korrektere“ ist – die westliche oder die Japanische.

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Unser japanischer Gruppenleiter sowie die anderen drei Japanerinnen und Japaner haben die Gruppe super geführt und den Rundweg mit diesem Museumsbesuch beendet. Zwischendurch gab’s leckere Yakusoba-Nudeln mit Zimtgeschmack. Anschließend haben wir uns am Sonntag ab 17 Uhr zusammengesetzt, um die Präsentation vorzubereiten. Ich weiß nicht, ob es nur daran lag, dass unser Gruppenleiter offenbar das Ganze unter „Präsentation“ eingeordnet hat statt „Gruppenarbeit“, aber es war eine ziemlich krasse Erfahrung.

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Denn im Gegensatz zu den Deutschen gibt’s bei den Japanern keine Diskussionskultur. Die Mitglieder der Gruppe sind dazu da, den Präsentationsführer zu unterstützen, nickend dazusitzen und hinter ihm zu stehen. Die Inhalte des Vortrags sind oft bereits vorher festgelegt und auch die Argumentationskette. Somit war unser Gruppenleiter absolut aus dem Konzept gebracht, als die Deutschen angefangen haben, „warum“ zu fragen. Er war des Weiteren äußerst unglücklich über die Antworten auf seine Fragen (was schon ungewöhnlich genug ist, dass er uns in dieser Vorarbeit etwas gefragt hat). Mit den langen, kritischen Antworten hat er ebenfalls nicht gerechnet.

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Hinzu kam die Kommunikationsbarriere, so dass das Chaos perfekt war und er unsere Gruppe kurzerhand zum Abendbrot geschickt hat. Die anderen Japaner in der Gruppe haben sich bis dahin auffällig zurückgehalten, obwohl sie Englisch können. Ich glaube, sie haben es längst kapiert oder kennen die deutsche Diskussion bereits.

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Wir Deutschen haben uns also sofort nach dem Essen zu einer Krisensitzung zusammengesetzt und uns an die japanische Diskussionskultur erinnert. Nach dem Essen hat unser englischbefähigter Japaner aus der Gruppe übernommen. Dies allerdings hat wenig später trotz oder gerade aufgrund erfolgreicherer Leitung zu einem für Japaner ziemlich heftigen Streit geführt. Schließlich bedeutete das für unseren Gruppenleiter einen Gesichtsverlust sondergleichen. Während er also noch hinter mir ausrastete „ore, ore!“ haben wir versucht ihn wieder einzugliedern. Dies gelang dann auch mit viel Augenkontakt und Aufmerksamkeit für ihn sowie einigen hochspannenden sozialen Verhaltensweisen innerhalb der vier Japaner, was beobachten zu dürfen eine große Ehre und eine spannende Geschichte war.

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Die Präsentation wurde dann anschließend wohl typisch japanisch zu Ende gebracht. Die Japaner schrieben alles auf und erstellten die Folien, während wir nickend und zustimmend aber etwas ratlos daneben gesessen haben. Dieser Spaß war dann um halb zwei Uhr morgens vorbei. Es gab andere Gruppen, die schneller fertig waren, ja. Es gab auch andere Gruppen, die bessere Präsentationen hatten, ja. Aber ich vermute, keine hat so viel gelernt dabei wie Unsere. Und böse ist uns unser japanischer Gruppenleiter anschließend auch nicht gewesen, denke ich.

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Fail.

Wann ich mal schlafen soll, hat sich soeben herausgestellt und mir den Rest des Abends versaut. Scheisse, wieso kann man nicht mal für eine Woche ohne Schlaf auskommen? Viel Spektakuläres gibt es heute daher nicht zu berichten. Die Eröffnung des Youth Summit artete in einer Mammutveranstaltung aus. Bitte nicht falsch verstehen, ich finde das alles ganz toll. Aber ich schreibe hier eben jede Geschmacksrichtung nieder; ich kann daher nicht abstreiten dass ich am Ende der Veranstaltung, die weitestgehend darin bestand in der Halle des Goethe-Instituts in Tokio zu sitzen und sich Vorträge und Dankesreden anzuhören, quasi am Einschlafen war.

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Dabei waren die Vorträge der hochrangigen Gäste durchaus hochspannend, aktuell und relevant für die Gruppenarbeiten in den nächsten zwei Tagen. Nach Grussworten der DJJG, MEXT, BMBF und MOFA hielt der deutsche Botschafter Daerr die Eröffnungsrede. Die Keynote Speech kam von Sonderbeauftragten des japanischen Kabinetts, Botschafter Nishimura. Wir hörten des weiteren einen Beitrag von Dr. Mochizuki von der United Nations University zum Thema “Background and Principles of Education and Sustainable Development”.

Es folgten noch zwei Kurzfilme. Einmal ein preisgekrönter Film der Immanuel-Kant-Schule Bemerhaven mit einem etwas einnehmenden Regisseur namens “Denk Mal – Mahn Mal”, der auch in Japan wieder kräftig am Material sammeln ist mit einer eigens angereisten Gruppe. Das andere ist ein Film des Azusagawa High School Broadcast Club der Präfektur Nagano unter Leitung von Ms. Saito mit dem Titel “12,7%”. Vergleicht man die beiden Filme, merkt man sofort wie sehr Ästhetik (sowohl der Bildgestaltung, als auch der Sprache und des subtilen Humors) den Japanern im Blut liegen. Während der deutsche Film sehr plump und grobschlächtig ausgeführt daherkam und in allen Bereichen gewisse Mängel aufwies (bis auf die Idee, die gut umgesetzt war), konnte der japanische Film selbst ohne Untertitel überzeugen, auch vor Allem durch eine sehr begabte Amateur-Seiju. Falls jemand den Film bei Youtube findet, bitte dringend Bescheid geben.

Achja, die Gruppen wurden nun auch gebildet. Es zeigt sich, dass viele der deutschen Teilnehmer extreme Probleme zu haben scheinen, sich auf die japanischen Mitglieder einzustellen. Interkulturelle Kompetenz ist nun einmal sehr schwer zu lernen, wenn man sie nicht bereits von Haus aus mitbringt. Eine japanische Teilnehmerin erzählte mir, sie studiere diesen Begriff sogar als Studienrichtung. Der Rest des Tages bestand aus sich kennen lernen und Gruppenvorstellungen.

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Für den Abend war eine Schnitzeljagd in Tokio angesetzt. Ich würde mich jedoch mit eigenem Ziel verzogen haben, zumal unser Gruppenleiter sich mit der Begründung er müsse arbeiten nach der Veranstaltung ebenfalls verzogen hat. Ich wollte nach Akihabara, dem Elektronik- und Otaku-Mekka. Allerdings wurden aus 5 Sekunden auf dem von der Klimaanlage gekühlten Bett dann mehrere Stunden. Wer es nicht weiß: Die Geschäfte in Tokio schließen um 22 Uhr, die letzten Metros fahren gegen 24 Uhr. Somit war der Tag gelaufen. Vielleicht bekomme ich ja am Samstag nach dem gemeinsamen Tokio-Rundweg noch Gelegenheit. Leider bin ich ja nicht in der Popkultur-Gruppe gelandet, sondern in Jener mit dem Thema „Tokios traditionelle Bausubstanz und ihr Erhalt“ oder so ähnlich. Zum Fotografieren wird es genügen, während der Rest der Gruppe auch noch auftaut.

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Morgen folgt ein Beitrag mit vielen Fotografien, denn ich war zum ersten Mal in einem angenehmen Tempo mit der Kleingruppe unterwegs und konnte echtes japanisches Mittagessen genießen sowie traditionelle Tempel und Schreine und den letzten Rest eines O-Matsuri (Festival). Der Youth Summit dauert noch bis Montag an, dann reisen viele Teilnehmer wieder ab. Anschließend geht die Youth Week noch bis Freitag. Ich habe erfahren, dass für mich noch immer keine Gastfamilie bekannt ist. Allerdings wurde mir nun plötzlich ein Praktikum in Aussicht gestellt. Wir werden sehen!

Ich habe mich inzwischen an die Hitze gewöhnt und kann weitestgehend aus dem Haus gehen, ohne sofort in Schweißausbrüche zu verfallen. Das ändert aber nichts daran, dann man am Ende des Tages tunlichst duschen sollte. Da ich es gestern nicht geschafft habe, habe ich heute morgen eine These geprüft, die die Mädchen mir gesagt haben. So war tatsächlich die Aussage, die Duschzeiten seien wegen des abgeschalteten Boilers eingeschränkt, wieder mal ein typisch japanischer Schlenker. Warmwasser gibt’s rund um die Uhr, und so erdreistete ich mich tatsächlich, am frühen Morgen die Dusche nachzuholen.

Übrigens, die Japaner haben eine ziemlich versetzte Zeit. Die Sonne geht schon um halb sieben unter und bereits gegen fünf Uhr auf (grob geschätzt). Noch weitere interessante Beobachtungen: In Pachinko-Hallen herrscht ein ohrenbetäubender Lärm. Die japanischen Zikaden sind Riesenviecher und genauso laut. An jeder Ecke piepst irgendwas und jedes mal etwas anders.

Themen des Youth Summit 2009 in Tokyo

Hallo Japan 2009 (Deutsch-Japanische Jugendgesellschaft) Reportage

Die DJJG hat die Themenauswahl der Youth Week veröffentlicht. In den vier Bereichen Bildung, Gesellschaft, Umwelt und Lifestyle werden sich hunderte Teilnehmer aus Japan und Deutschland in mehreren Gruppen austauschen. Der Youth Summit ist Teil der Youth Week.

Zu den Gruppeninhalten zählen aktuelle Themen wie »Elections 2009 in Japan and Germany« ebenso wie spannende und kontroverse Themen wie »Whaling – the background and the controversy«, des Weiteren »Children’s Rights – Child Abuse«, »Pop Culture in Japan – Pilgrimage of Otaku Mecca«, »How we keep and improve our traditional culture?« um nur Einige zu nennen, sowie zwei Sondergruppen, die sich an einem Filmprojekt und der Gesamtausrichtung des Youth Summit und seiner Dokumentation widmen. Die komplette Übersicht mit Statements der Gruppenleiter gibt es auf der Website. Großes hat man sich vorgenommen, denn es ist sicher nicht einfach ein internationales Netzwerk an aufgeschlossenen, vorurteilsfreien Menschen aufzubauen, die offen für fremde Kulturen und Verhaltensweisen sind.

Zur Erarbeitung der Themen soll natürlich der Spaß nicht fehlen, so wird jede Gruppe themenrelevante Einrichtungen und Gegenden besuchen. »Nicht nur das zu behandelnde Thema steht im Mittelpunkt, sondern auch das miteinander reden, diskutieren und planen. Die Teilnehmer können auf diese Weise wertvolle interkulturelle Kompetenzen erwerben und zugleich Freundschaften schließen. Der Summit ist immer in ein Rahmenprogramm – der sogenannten Youth Week – eingebettet, welche den Teilnehmern sowohl die Möglichkeit gibt, Tokyo […] näher kennenzulernen, als auch gemeinsam die Abende zu verbringen.« schreibt Ariane Herold, Studentin im Masterstudiengang Politik Ostasiens an der Ruhr-Universtität Bochum und Gründungsmitglied der DJJG, im Informationsblatt.

Aber es wird wirklich Zeit, dass ich uns endlich ein offizielles Blog einrichte.

Wieso, wie und so – vier Wochen Kostprobe.

Hallo Japan 2009 (Deutsch-Japanische Jugendgesellschaft) Reportage

Dies ist der Auftakt zu einer mehrwöchigen Reportage über den Besuch eines Furtwangener Studenten in Japan im Rahmen des DJJG-Programms »Hallo Japan 2009«, welches in diesem Blog bereits vorgestellt worden ist. Da die Hochschule Furtwangen University im Schwarzwald keinerlei Japankontakte pflegt, musste diese Alternative von mir ergriffen werden. Ich werde mich nach dem einwöchigen Youth-Summit in Tokyo vor allem in Utsunomiya (宇都宮市) 100km nördlich von Tokyo aufhalten. Nicht nur hier, sondern auch im DJJG-Blog wird berichtet werden.

Wie verzerrt das Bild Japans im westlichen Bewusstsein nach wie vor ist, zeigt der Eintrag in diesem Blog.  Gängige Vorurteile wie »Japaner vertragen keine Milch«, »Japaner essen Hunde« oder »Die trinken nur Tee« werden auseinandergenommen – ob zu Recht, wird sich zeigen müssen. Wahr ist, dass sich Japan in den letzten Jahrzehnten stark verändert hat. Vieles, was vor zwanzig Jahren noch galt, ist heute offenbar nicht mehr. So beschreiben die Autoren Karol Kállay, Otto Mann und Wsjewolod Owtschinnikow in ihrem sehr lesenswerten Fachbuch »Tokyo« noch, wie zukünftige Visionen mit der Überbevölkerung in Tokyo und der vorherrschenden Luftverschmutzung umgehen könnten. Heute sind diese und andere Probleme zum Teil gelöst oder nicht mehr existent.

Obwohl oder gerade weil dieses Buch bereits sehr alt ist, bietet es interessante Einblick eine eine zweifelsohne für westliche Begriffe sehr fremdartige Kultur und ihren Wandel in Zeiten der Globalisierung – denn nicht immer war Japan dem Rest der Welt so offen eingestellt wie es heute mehr und mehr der Fall ist. So werden die Lebensbedingungen eines Durchschnittsjapaners beschrieben und die außergewöhnliche Effektivität und Dynamik der japanischen Wirtschaft zur Zeit der Autoren erklärt. Japanischen Eigenheiten und Verhaltensweisen werden vor dem Hintergrund der Kulturgeschichte interpretiert und die Privatshäre der Japaner, die Ausländern meist verschlossen bleibt, erkundet. Umrahmt werden die Eindrücke von Fotos japanischem Alltags abseits ausgetretener Touristenpfade. Dieses Buch war einer der Auslöser, sich noch intensiver mit dem Land zu beschäftigen.

»Japan? Warum?«

Abseits der Touristen werde ich während des Homestay-Aufenthaltes hoffentlich ebenfalls die andere Seite Japans entdecken. Die Bewerbung und die Motivationsschreiben für das DJJG-Programm waren dabei die erste Hürde, die es zu nehmen galt. Doch was ist nun der Grund für diese grenzenlose Affinität zu einem derart fremden Land? Vielleicht ist es die Tatsache, dass ich durch meine polnisch-deutsche Multikulturalität dem Abendland auf bestimmten Ebenen nichts Neues mehr abgewinnen kann. Vielleicht bewegt sich die westliche Kultur auch in Richtungen, die mir nicht gefallen. Jedenfalls ist mir seit geraumer Zeit die japanische Kultur in verschiedenen Lebensbereichen wiederholt begegnet. Häufig erfuhr ich erst hinterher, dass die Zeichnung, die Lampe, die Farbkombination oder ein anderer Gegenstand des alltäglichen Lebens japanischem Ursprungs war. Ich schließe daraus, dass ich einer bestimmten Ästhetik zugeneigt bin, die den Japanern wohl angeboren sein muss.

Japanische Ästhetik

Da ist zum Beispiel das Schriftzeichen, das oft unzählige Bedeutungen haben kann, basierend auf dem Kontext. Da ist die Kunst des Weglassens, des Minimalistischen. »Japaner sind immer freundlich« lautet ein weiteres Vorurteil, welches wohl keines ist. Nicht zu verwechseln mit »Chinesen schauen immer freundlich«. Die Mentalität ist dem westlichen egozentrischen Selbstbild genau entgegengesetzt. Der Japaner ist ständig auf ein harmonisches Kollektiv bedacht und wird stets zuerst an die Nöte und Sorgen seines Gegenüber denken. Man könnte sagen, die Japaner leben von Natur aus die universellen Werte, die das Christentum oft vergeblich versucht, den Menschen einzuimpfen.

Religion ist übrigens ein weiteres interessantes Thema. Die Art und Weise, wie Japan mit Religion umgeht, ist in meinen Augen bewundernswert. Selbst als Religionsverweigerer kommt man nicht umhin, die japanische Einstellung zu Bewundern. Da existieren mit Shintoismus und Buddhismus  zwei Religionen friedlich nebeneinander, wobei der Shintoismus in seiner Form als animistische Religionsform und die daraus entstehende Toleranz besondere Erwähnung verdient (Ich verlinke Wikipedia hier nicht zum Spaß).

Ausblick

Es lassen sich noch viele weitere Dinge schreiben, aber dies soll nur der Auftakt zur Reportage »Hallo Japan« werden. Bewusst verschwiegen habe ich an dieser Stelle die Anime- und Manga Subkultur. Sie ist für mich ein weiterer Grund, dieses Land zu mögen. Viele der genannten Aspekte japanischer Kultur spiegeln sich in  den Inhalten dieser Subkultur wieder und machen den Einstieg  für Fremde einfacher und attraktiver. Das Anime-Referat in Furtwangen und das »Selbststudium« dieser Kunstform – natürlich in Originalton – erlaubte einen ersten Einstieg in die Sprache. Dieser Bereich wird jedoch an anderer Stelle noch ausführlich breitgetreten.

Ein Japankenner sagte mir, der Film »5 cm per second« (秒速5センチメートル) gebe die Atmosphäre Tokyos sehr authentisch wieder. Dass der Film sowohl authentisch als auch atmosphärisch dicht und beeindruckend ist, von der Zeichentechnik ganz abgesehen, kann ich nur bestätigen. In Deutschland ist er jedoch noch nicht erhältlich. Bis ich jedoch echte Fotos posten kann, werden wir uns mit Fremdmaterial und Gezeichnetem begnügen müssen.

Mit Sicherheit wird dies auch zu einer kleinen Analyse führen, wie weit Anime die japanische Kultur realistisch und unverzerrt wiedergeben kann.